Gottvertrauen
10. Mai 2012
Besonders aus dem islamischen Bereich sind sie bekannt, die Eifrigen. Sie verfolgen die Ungläubigen, sie hassen alle, die ihren Glauben nicht teilen.
Betrachtet man sie genauer, so kann man feststellen, dass sie ihrem Gott genauso wenig zutrauen wie alle die, die ihn leugnen. Ihr Gott erhält diese Erde, dieses Leben in weiter Liebe - sie aber ziehen Grenzen, werden tätig dort, wo ihr Gott es sein lässt.
Ein wirklich Gläubiger, einer, der Gott liebt und aus seiner Liebe lebt, braucht nicht so zu handeln. Er vertraut auf Ihn und gibt sich Ihm hin und setzt sich nicht an seine Stelle im Urteil und Vollzug.
So sind diese Eiferer die tiefsten Feinde des von ihnen angeblich Verehrten. Sie lieben nicht Ihn, sondern ihre eigenen Vorstellungen und Ideen.
Widersacher
25. April 2012
Hier bei uns nennt man ihn der Teufel. Vielleicht in allen Kulturen kennt man ihn: Denjenigen, der allem edlen Streben einen Strich durch die Rechnung macht.
Wie aktiv begegnet er demjenigen, der in Meditation die Stille sucht. Diese Gedanken schickt er uns, jene Vorstellungen und es hat kein Ende.
Nun ist dies eine Welt und der Meditierende Einer. Mag die Welt auch als Vielerlei bestehen und der Einzelne ebenfalls: Alle Kräfte und Stimmen und Tendenzen gehören dazu, seien sie willkommen oder nicht. Diese tiefe Erkenntnis macht die Sache aber nicht leichter. Ob es nun ein Teufel oder ein Teil meiner selbst ist: Die Störung ist da, die Verführung meldet sich so oder so.
In einem berühmten Gebet heißt es, man solle uns nicht in Versuchung führen. Es ist ja zunächst eine seltsame Vorstellung, ein liebendes Wesen könne uns in Versuchung führen - die Gegenwart der Versuchung ist aber jedem geläufig.
So leben wir denn damit. So müssen wir denn damit leben. Sie gehört dazu. Und wir reißen uns die Augen nicht aus und die Ohren nicht ab, wenn sie es sind, verführerische Signale melden.
Manche meinen, man könne sich helfen, indem man sublimiere. Aber was soll das heißen? Der Teil in unserem Geist/Gehirn, der verführerische Bilder und Gedanken ins Bewußtsein hebt, läßt sich nicht beseitigen oder abtöten. Allenfalls ist eines möglich: Das Schwächen. Wie Muskeln bei Nichtgebrauch schwach werden, verkümmern Nervenverbindungen, wenn sie nicht genutzt werden. Man verlernt sozusagen. Doch das ist ein langsamer Prozess und es kann sein, dass er länger dauert als unser Leben.
Dann hilft also nichts?
Sieh hin, spüre das Süße der Verführung. Nimm Dein Genießen wahr. Wenn erotische Vorstellungen auftauchen, nimm diese Art der Sinnlichkeit wahr. Wie schön es ist, mache Dir bewusst. Nimm wahr, wie Du die Vorstellungen wiederholst und kultivierst, mit denen Du diesen Genuss hervorrufst. Wenn Dir das gelingt, wird Dir deutlich, dass die Vorstellung und die damit verbundene Hoffnung, es könne doch einmal wahr werden, was da geträumt wird, ein gegenwärtiger Vorgang ist, der jetzt Lust verschafft. Wenn Dir das klar vor Augen steht, kannst Du den Schluss ziehen, dass es auf das Erhoffte gar nicht ankommt, sondern allein das Hoffen und die so erzeugte Lust hier und jetzt wichtig sind. Dann ist der Weg nicht mehr weit zu der Annahme, dass Du die Lust jetzt erzeugst und es auf das Erhoffte nicht ankommt, sondern allein auf Deine lebendige Existenz. So weit gelangt, kannst Du Dich als den Atem und das Dasein als solches genießendes Wesen erkennen - so kannst Du befreit von den ursprünglich andrängenden Versuchungen Deine Gegenwart als ausreichenden Grund eines Genießens erkennen und annehmen und daraus leben.
Fang damit an. Setze Dich hin. Nimm den Atem war, das Ein und Aus. Warte ab. Steigen Gedanken auf? Lass Dich von ihrem Anlass nicht ablenken, bleibe beim Atem und spüre, wie die aufsteigenden Vorstellungen Dein Körpergefühl verändern. Nimm dieses Gefühl, das wohlig oder unangenehm (bei Ängsten usw.) sein mag, als solches wahr. Nimm es an, lehne es nicht ab. Wie schön es auch sei, wie sehr es die Selbstwahrnehmung intensiviert: Erkenne, dass es jetzt in Dir geschieht - ebenso wie der Atem, Dein Dasein. Dann kannst Du die Identität des Genießens und Spürens wahrnehmen - und dann bist Du in der Lage, auf das durch Vorstellungen verursachte Gefühl zu verzichten und Dich mit dem Genießen Deiner Existenz zu begnügen.
Als ein Begnügen, also als ein Verzicht mag Dir dies zunächst erscheinen; denn dieses Glück der Ebene erscheint so unspektakulär. Doch wer sich ihm wirklich öffnet, erkennt, dass alle scheinbar überwältigenderen Formen des Daseins doch nur von ihm erleuchtet werden.
Bedeutung
17. April 2012
Nehmen wir am sozialen Leben teil, so müssen wir die Bedeutungen kennen. Schallwellen, Lichtwellen, Berührungen - wenn wir sie nicht verstehen würden, könnten wir uns in der Welt nicht zurechtfinden.
Das gilt auch für einen Einsiedler. Er muss seine Welt ebenfalls verstehen.
Das gilt für den Meditierenden. Er muss vor allem sich verstehen.
Dennoch: Meditation ist vornehmlich ein Rückzug. Man tut es für sich, man tut es oft allein, man tut es schweigend und ohne auf mehr zu achten, als die Lage gebietet, also wenig, sehr wenig, wenn man in seinem stillen Zimmer sitzt.
Hier nun, in diesem reinen Raum, ist es nützlich, von Bedeutungen abzusehen. Stattdessen sollte man auf die nackten Phänomene achten. Atmen - ohne über seine Wichtigkeit nachzudenken. Der Körper - ohne über Leben und Tod nachzudenken. Immer direkt.
Dabei mögen Bedeutungen mitschwingen. Wir können sie nicht vergessen und ihr Bedenken oder unser Wissen um sie nicht einfach abstellen. Wir können unseren Blick aber von diesen Phänomenen reflektierenden Bedenkens ablenken und auf das konzentrieren, was hier und jetzt da ist als materielle Wirklichkeit.
Bedeutung und ihr Bedenken setzt eine unendliche Kette von Reflexionen in Gang. Diese mögen angenehm oder unangenehm sein - sie nehmen uns gefangen und verführen uns und lassen das Hier und Jetzt der materiellen Wirklichkeit vergessen.
Weshalb denn sollen wir auf dieses Hier und Jetzt achten? Weil es frei und fröhlich macht.
Mag einer einwenden, dass sein Reflektieren ihn ebenfalls befriedigt. Nun gut, das ist so, kann so sein und ist nichts Übles. Doch der Genuss, der unreflektiertes Sein im Hier und Jetzt schenkt, ist sehr viel schöner.
Und es muss und kann nicht für immer sein. Wir stehen ja wieder auf, öffnen die Tür, gehen ins Leben hinaus. Dann verstehen wir wieder, was dies und das so alles bedeutet.
Doch auch der Wanderer kann ein Meditierender sein, voll konzentriert auf Gehen und Weg. Sein Wandern unterscheidet sich stark von dem der Spaziergänger, die sich unterhalten und von der Gegend nichts sehen, oder denen, die allein an ihr Ziel denken.
Werten
16. April 2012
Etwas geschieht. Wir nehmen es wahr. Nahezu immer nehmen wir Stellung: Gut, schön, schlecht, böse, vernünftig, unvernünftig, logisch, unlogisch - und so weiter. Nicht nur wir. Der Hase, der den Hund sieht, zieht ebenfalls seine Schlüsse und macht sich davon. Es ist offenbar nötig, die Informationen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu bewerten.
Das ist das Eine. Und nun ein Anderes?
Die Verknüpfung von Wahrnehmung und Bewertung mag automatisch erfolgen. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie angemessen sein muss. Es sind Verknüpfungen denkbar und darüberhinaus nicht selten anzutreffen, die offenbar unangemessen sind und von anderen nicht erlebt werden. Da mag einer ein Vorurteil haben und so für ihn selbst zwingend in einer Weise wertet, die andere für unsinnig halten. Da mag einer etwas lieben, was andere verabscheuen.
Und dann gibt es Leute, die meinen, man solle einfach nur wahrnehmen und sich mit Bewertungen zurückhalten oder auf sie verzichten. Vor allem solche Leute schlagen dies vor, denen es um die Bewahrung ihres Seelenfriedens geht. Es ist naheliegend, dass dieser leicht durch Bewertungen von Sachen, die da geschehen, gestört wird. Dies will ich haben, schon ist der Frieden gestört. Dies soll nicht sein, schon ist der Frieden gestört.
Nehmen wir einmal an, diese Sicht der Freunde einer gestillten Seele sei angemessen. Wie soll man ihrem Vorsatz entsprechen?
Zunächst gilt es, dies wirklich wahrzunehmen: Wie auf Information Wertung folgt. Normalerweise nehmen wir dieses Folgen nicht wahr, weil wir uns sogleich gefangen nehmen lassen und mit der Wertung identifizieren. Das führt dazu, dass wir über die Information nur im Zusammenhang mit der Wertung denken können. (Da hat jener dies gesagt, das löst meine Gefühle aus, schon kann ich nur gefühlvoll auf diese Aussage reagieren. Da hat er Böses gesagt und ich werde meinen Ärger nicht los. Da hat er Liebes gesagt, und ich werde meine Freude nicht los.)
Diese Abfolge und ihre Zwangsläufigkeit müssen wir zunächst erkennen.
Danach können wir uns deutlich vor Augen führen, dass diese Verknüpfung nicht zwangsläufig sein muss - sondern von uns selbst hergestellt wird. Wir reagieren in dieser Weise - aber es sind auch andere Reaktionen denkbar und bekannt. Das gilt jedenfalls dann, wenn es nicht um Leben oder Tod geht. Wenn einer etwas gesagt hat, müssen wir nicht in Ärger oder Freude verfallen, sondern können es gelassen sehen: Soso, das meint er also. Was geht mich das an?
Wenn wir in der Lage sind, so zu denken, können wir zwischen Erkennen der Lage und ihrer Bewertung eine kleine Lücke entstehen lassen. Diese Lücke gibt uns einen Raum von Freiheit. Sie gibt uns die Möglichkeit, das sich Aufdrängende in Frage zu stellen. Vielleicht gelingt es uns sogar, anders zu werten. Warum denn nicht?
Ist ein solcher Status gewonnen, können wir weiter forschen. Dabei können wir fragen, ob wirklich immer auf eine Information die Wertung folgt - oder ob nicht zuweilen eine Stimmung vorhanden ist, die nach Informationen sucht, die sie bestätigen. Da ist einer schlecht gelaunt - und nimmt nur wahr, was ihn in seiner Stimmung bestätigt. Und umgekehrt.
Wenn dies alles wirklich so geschieht und wir dies als eine Erkenntnis annehmen, gewinnen wir weiteren Raum für Freiheit: Wir sehen den Prozess von Wahrnehmen und Bewerten und Bewerten und Wahrnehmen als eine von uns selbst vorgenommene Verknüpfung, die nicht zwangsläufig sein muss.
Weiter werden wir erkennen, wie nützlich diese Verknüpfung sein kann - aber wie hinderlich sie dennoch häufig ist. Wieviel Energie raubt uns unser Ärger, raubt uns unser Begehren. Wie häufig könnten wir Dinge oder Vorgänge so sein lassen, wie sie nun einmal sind, ohne unsere Heil zu gefährden.
Deshalb des kluge Mensch: Er nimmt die Phänomene wie sie sind, nimmt die Bewertungen als Phänomene, wie sie nun einmal sind. Und er sagt sich von ihren verselbständigen Verknüpfungen los.
So weit, so theoretisch.
Wie nun aber praktisch?
Wenn der Hase in seiner Sasse aufgestört wird, wird er kaum das Bedürfnis spüren, über den Gang der Dinge erst einmal gelassen nachzudenken oder eine Pause einzulegen.
Wenn der Hase in seiner Sasse nun über den Gang seines Lebens nachdenkt und zum Beispiel über das Verhalten der benachbarten Häsin, könnte er schon eher versucht sein, die Dinge durch den Kopf gehen zu lassen. Nur dann könnte er - noch raffinierter - sich daran machen, die Aufeinanderfolge von Gedanken und Bewertungen zu untersuchen. Aber eine kluger Hase könnte die Chance nutzen.
Wieviel mehr nun wir. Gerade in Meditation kann dies gut gelingen. Das sagt dieser alte Hase.
Aber noch einmal: Wie denn?
Eine Technik kann darin bestehen, sich Zeit zu nehmen. Da geschieht etwas. Da drängt sich eine Reaktion auf. Nun atme ich. Nun zähle ich zwölf Atemzüge, ehe ich mich weiter auf die Sache einlasse. Da schaue ich erst einmal woanders hin. Da nehme ich das Eine wahr, dann nehme ich das Andere wahr, da die Information, da die Reaktion. Dann frage ich, ob die Reaktion die Information gesucht hat oder ob die Information wirklich das Vorangehende war. Dann blicke ich auf mein Dasein als solches. Ich spüre, dass ich da bin, lebe, atme. Damit breche ich die Zwangsläufigkeit der Verknüpfung auf. Ich beharre darauf, in meinem Heiligen Raum (der Stille) Einkehr zu halten. Ich beharre darauf, das Geschehen als eine Folge von Phänomenen zu nehmen, die nun einmal da sind, aber so nicht zwangsläufig geordnet sind, sondern nur, weil ich ihnen diese Ordnung auferlege. Muss ich das tun?
Mein Freund Otto wird zuweilen von Anfällen des Begehrens erschüttert. Er berichtet mir, wie dies geschieht und wie lustvoll es ist, sich dem hinzugeben. Aber, so erzählt er mir, dann dämmert ihm, dass er das Begehrte neutral sehen kann und spürt, wie das Begehren dieses Objekt wählt und so ihm den Wert erst verleiht, der es begehrenswert erscheinen lässt. Dann vergeht des Prozess des Begehrens oder wird zumindest schwächer. Mein Freund weiß dann zuweilen nicht, ob er dies bedauern oder begrüßen soll. Zunächst spürt er die Trauer. Aber dann wird ihm in Bezug auf sie bewusst, was ihm eben in Bezug auf das ursprüngliche Begehren bewusst geworden war. Na, und dann ist er - so berichtet er glaubwürdig - letztlich doch erleichtert oder befreit.
Denken und Dasein
4. April 2012
Da sind wir nun. Körper, zu denen ein Kopf gehört. In diesem Kopf ein Gehirn. Darin findet etwas statt, das wir Denken nennen. Folglich gehört das Denken zu unserem Dasein.
Dieses Denken erfolgt nun in einem “geistigen” Raum, der sehr viel weiter ist als alles, was unser Körper nun als ein physisches Gebilde vermag. Dieses Denken ist darüber hinaus freier als alles, was in der Welt da ist.
Umgekehrt sind wiederum die Welt und alle ihre Teile weit komplexer, als Denken erfassen kann. Das bereitet dem Menschen, der in der Welt einen Halt und Trost finden will, große Not.
Denken kann sich ins Irreale, ins Phantastische erweitern und kann Erklärungen für die Phänomene der Welt liefern, die mit dem, was wirklich geschieht, nichts zu tun haben. Man denke nur an Astrologie, einem phantastischen Gedankensystem, dem so Viele vertrauen - ohne sich um die Wirkmacht der Sterne wirklich zu kümmern.
Dabei ist die Versuchung groß, sich an die Plausibilität von Gedanken zu halten, weil ich mir Trostreiches leicht ausdenken kann. Zu einer Gefahr wird diese Neigung, wenn wir darauf verzichten, sie an der Wirklichkeit zu messen.
Im Grunde müssen wir uns entscheiden. Wir müssen die Wahl treffen, ob wir uns der Welt der Gedanken und des Geredes ausliefern wollen oder ob wir und an den Sachen orientieren, die hart zusammenstoßen in Raum und Zeit. Wer sich an den Sachen orientiert, mag ebenfalls irren und sich verirren - aber er wird bereit sein, sich dann neu zu orientieren, wenn ihm sein Irren bewusst wird. Der in seine Gedanken Verliebte steht immer in Gefahr, eher ihnen zu vertrauen und an ihnen festzuhalten, so offenbar sein Irrtum auch sei.
Meditation ist Achtsamkeit - also auf Wahrnehmung dessen gerichtet, was hier und jetzt geschieht. Sie ist weiter auf Stille gerichtet. Der Meditierende nimmt also - wie jeder andere Wissenschaftler auch - nicht nur einfach wahr, sondern sucht; denn Wahrnehmbares gibt es zu Hauf und kann verführen zu jedwedem Unsinn. Wohin schaue ich - das ist die zentrale Frage. So kann einer ergründen, was ihn wie beeinflusst, und dabei nach dem suchen, was seinem Frieden und dem Frieden der anderen nützlich ist - und zu erkennen versuchen, was diesen Frieden stört.
Das Friedlichste, was er zunächst finden kann, ist sein atmender Körper, der Herzschlag, das Sein seines Körpers. Nimmt einer dies wahr, wird er Seligkeit spüren, eine Freude am Dasein, wird dankbar.
Dann muss er auf der Hut sein vor verführerischen Gedanken, die ihn in die Lüfte der freien Spekulation oder des begehrenden Wünschens und Träumens treiben wollen. Sie wollen ihn in das Reich der Erklärungen und Vorstellungen führen und ihm die Nüchternheit illusionslosen Anschauens nehmen.
Immer auf der Hut. Sei wach, sagte einer meiner Lehrer. Gut, also wach!
Theorie/Praxis
2. April 2012
Mein Freund Otto hätte beinahe Theologie studiert. Er hat es nicht getan.
Ein Grund dafür war, dass ihm alles, was als Lehre bezeichnet werden kann, unwichtig erschien. Er suchte nach etwas, was das/sein Leben unmittelbar bestimmt.
Nun ist ein Rest theologischen Interesses verblieben und deshalb suchte er neulich einen christlichen Gesprächskreis auf. Da wurde es ihm wieder deutlich, was ihn damals bewegt hat: Es ist sicherlich recht interessant, geschichtliche und theologischen Überlegungen etwa über das Abendmahl anzustellen. Viele Informationen mag es darüber geben. Doch was bedeutet dies hier und heute für ihn? Ist es von größerer Relevanz als die Frage, wie das Alter der Erde datiert werden kann und auf Grund neuester Erkenntnisse datiert werden sollte (nämlich kürzer als bisher angenommen)?
Wohin man auch immer blickt, schaut man genauer nach, öffnen sich weite Felder von Fakten, die in ihrem Zusammen und Entgegen ein Gebilde ergeben haben, das nun vor Augen liegt. Immer neue Bereiche öffnen sich, die von Fachleuten erschlossen werden. Sie können uns viel erzählen - ob es nun Imker oder Historiker oder sonst was für Leute sind.
Wenn nun einer ein Fachmann für sein Inneres werden möchte, sollte er meditieren. Ein solcher Fachmann unterscheidet sich von einem Historiker, der die verschiedenen Arten der Inneren Erfahrung als ein Wissenschaftler (Religionswissenschaftler) erforscht. Letzterer mag darüber informiert sein, welcher Lehrer wann welche Schule begründet hat und wie sein Schüler mit seinen Lehren umgegangen sind.
Der Fachmann der ersten Art wird innerlich still und nimmt wahr, was in ihm geschieht. Dabei wird ihm deutlich, was es heißt zu denken oder nicht mehr zu denken. Er nimmt wahr, was es heißt, ein lebendiger atmender Körper zu sein.
Diese Wahrnehmung bewirkt etwas: Der wahrgenommene Körper entspannt sich. Die Gedanken, als ein Vorgang wahrgenommen, schwinden.
Der Wissenschaftler bzw. der Fachmann will nicht schweigen. Er will darstellen und im Reden und Lesen und Erörtern nachvollziehen, was geschehen ist. Mag er Theologe sein, mag es Geologe sein. Mag er ein anderes Fachgebiet bearbeiten. Immer geht es ihnen und Tatsachen, die zurück liegen und mit seinem gegenwärtigen Existenz nur dies eine gemein haben, dass er sich mit ihnen beschäftigt. Deshalb kann er als Mensch unberührt bleiben. Er mag wissen, dass Kern der christlichen Lehre etwa die Liebe zu seinem Nächsten ist. Deshalb muss er noch nicht ein Liebender sein.
In Meditation sollte es diese Trennung nicht geben. Der Meditierende sollte nicht nur wissen, dass es innere Stille gibt, er sollte sie erfahren und leben.
Ein Beispiel: Da mag einer Gartenbau studieren und wissen, welche Arten und Weisen von Gärten es gibt, hier und dort, jetzt und damals. Er unterscheidet sich von einem Gärtner, der in seinem Garten lebt und arbeitet.
Meditieren ist wie gärtnern: Hier und jetzt in dieser Erde mit diesem Wasser und diesen Pflanzen - in diesem Körper in seiner Verfassung und diesen Vorstellungen und ihrer Herkunft.
Mein Freund Otto hätte nicht nur beinahe Theologie studiert, er meditiert auch schon lange. In Meditation taucht zuweilen eine Erinnerung auf: Er steht als kleiner Junge vor dem Haus auf einer kleinen Wiese. Es ist still, niemand sonst ist da. Er riecht die Luft, es duftet köstlich. Er spürt, dass er da ist und es ist schön.
Vielleicht war dieses Erleben so beeindruckend, dass er es immer noch sucht und alle Wege ihm recht sind, vor allem der der Meditation.
Wenn ich ihn recht verstehe, erlebt er Ähnliches hin und wieder und nimmt es als ein Geschenk.
Der Grund
23. März 2012
In einem berühmten Gedicht ist von der wohlgegründeten Erde die Rede, auf der wir bauen. Doch diese Erde ist ein Körper, der mit hoher Geschwindigkeit im Raum kreist, eine Geschichte hat und schließlich einmal vergehen wird.
Wenn nun schon die Erde kein verlässlicher Partner ist (in langen Zeiträumen gedacht), kann wohl nichts anderes verlässlicher sein. Wenn wir nach dem Grund unserer Existenz fragen, dürfen wir deshalb nicht nach Ewigem und Unwandelbarem fragen. Im Gegenteil geht die Suche eher nach etwas, das wie ein Tanz ist: Eine Bewegung, ein Leben, ein Schwingen.
In Meditation sitzen wir gewöhnlich ruhig und fest. Das ist äußerlich.
In Meditation bemühen wir uns um einen gesammelten Geist. Das ist innerlich.
Aber alles gleicht einem Menschen, der über ein Drahtseil balanciert. Beherrscht er diese Kunst, mag er ruhig gehen, mag er das Gleichgewicht halten - aber alles ist Bewegung und Achtsamkeit und gefährdet.
Wenn einer träge in der Hängematte liegt, scheint die Gefahr gering. Doch innen wird wohl kaum Balance sein.
Der tiefste Grund eines befriedeten Geistes und Körpers, also Menschen ist also eine Bewegung, die gemindert und gestillt ist.
Wenn Physiker ein Atom studieren und manipulieren wollen, kühlen sie es ab - bis nahe an den Nullpunkt. Dann erstarrt es, solange die Kälte anhält. So tief können wir unser Inneres nicht abkühlen, glücklicherweise. Aber es ist eine Stille möglich, die nur Wenige kennen.
Wenn bei alledem von Verlässlichkeit die Rede ist, so geht es immer allein und ein Relatives. Die Erde ist für uns verlässlich, weil die Zeit, in der wir sie erleben, kurz ist im Verhältnis zu ihrer Zeit. So ist der Körper in seiner Wandelbarkeit und Endlichkeit doch das Umfassende unseres Daseins - räumlich und zeitlich - und damit das Verlässlichste. Alle Handlungen und Zustände sind dagegen von kürzerer Dauer.
Wir mögen unsere Ideen in Stein schlagen, in ewigen Lettern niederlegen und so Dauer verleihen: Die Zeit des Vorbereitens, Schaffens und nachträglichen Bedenkens ist kürzer als unser Leben.
Gedanken und Ideen wird zuweilen Dauer zugeschrieben. Diese Dauer ist scheinbar: Die Idee eines ewigen Gottes etwa ist nicht ewig, sondern vorhanden nur in dem aktuellen Denken Einiger. Denkt diesen Gedanken gerade niemand, so ist er nicht da.
Beispiel: Es gab über Jahrhunderte das Römische Recht. Eine ausgefeilte und praktizierte Idee. Dann war es vergessen. Man wusste nur noch, das es so etwas einmal gegeben hatte. Aber eines Tages in Bologna fand ein Jurist ein Exemplar der Niederschrift diesen Rechts. Nun konnte man es wieder denken und bedenken und anwenden: Es war wieder in der Welt. Hätte sich diese Niederschrift nicht erhalten, wäre das Römische Recht verloren und niemand könnte es beleben. So alle Gedanken und Ideen.
Deshalb danken die Anhänger des Buddha beispielsweise dafür, dass sie in einer Zeit leben, da das Wissen um seine Lehre noch nicht vergessen worden ist.
Also los, lebe den Gedanken eines Stillen Geistes. Nenne ihn getrost den gründigsten Grund.
Da leben wir nun auf diesem Planeten. Da leben wir nun in diesem Sonnensystem. Da leben wir nun in dieser Galaxie. Da leben wir nun in dieser Welt. Da leben wir nun.
Nichts von alledem darf fehlen.
Mag einer fragen, was der letzte Grund ist? Mag einer antworten, dass es des Dasein ist. Damit ist aber nicht viel gesagt; denn es ist trivial, dass ein Teil der Welt die Welt als Dasein voraussetzt. Oder dass ein Körper nur da sein kann, wenn es Atome und Moleküle und all das Zeug gibt.
Für uns als uns selbst wahrnehmende Wesen ist letzter Grund unser Körper.
Selbstverständlich ist dieser keine abgeschlossene Einheit, ist also bezogen auf Welt und all das Zeug.
Wenn es aber darum geht, die Frage zu beantworten, wie wir zufrieden leben können, muss es zunächst um diesen Körper gehen; denn dieses Gebilde ist es, das gesund und zufrieden sein kann. Er ist die Größe, auf die sich alles bezieht.
Davon abgeleitet geht der Blick nach draussen: Was muss die Welt mir bieten, damit ich darin froh sein kann? Oder besser: Welche Anforderungen an Welt darf ich stellen, damit ich in ihr zufrieden sein kann? Also: Wie verhalte ich mich zur Welt? Was ist, das sich da verhält?
Dabei erscheint der Körper und der Teil dieses Körpers, den wir Geist nennen, als Grund, weil er als Zusammengesetztes und als Einheit das Gebilde ist, das nicht hintergangen werden kann. Wenn ich mich stattdessen auf eine andere Ebene beziehe - sagen wir einmal: die Moleküle oder die einzelnen Körperzellen - beziehe ich mich auf einen Teil meiner selbst, den ich weder unmittelbar spüre noch direkt beeinflussen kann. Dieser Bezug ermöglicht daher keine Arbeit und keine Gestaltung. Diese sind nur möglich in Bezug auf wahrnehmbare Funktionen meiner selbst (meines Körpers).
So kann ich meinen Atem wahrnehmen und beeinflussen. So kann ich mein Denken wahrnehmen und beeinflussen.
Deshalb genauer gesagt: Unsere Wahrnehmungsmöglichkeit ist das Ermöglichende und Begrenzende unsers Umgangs mit uns selbst und der Welt.
Es ist sehr interessant, was moderne Wissenschaft über unseren Körper weiß. So ist es hilfreich für einen Therapeuten zu wissen, welche Region des Gehirns Trübsinn produziert. Dann kann man Techniken entwickeln, diese Region zu verkleinern und so dem Menschen aus seinem Trübsinn zu befreien. Für den unmittelbaren Umgang mit sich selbst hilft diese Erkenntnis jedoch nicht; denn wir sind nicht in der Lage, das Funktionieren unseres Gehirns wahrzunehmen.
Deshalb muss die Rede vom Urgrund unseres Friedens und Freuens konkretisiert werden: Der Urgrund liegt in der Wahrnehmung dessen, was in uns geschieht und geschehen kann. Es ist der Urgrund daher nicht der Körper an sich oder irgendetwas in oder an ihm. Stattdessen ist es die Wahrnehmung oder das bewusste Erleben, das sich auf ihn und sein wahrnehmbares Leben bezieht.
Diese Wahrnehmung ist eine Fähigkeit, die geschult und kultiviert (oder vernachlässigt) werden kann. Nicht zufällig heißt es in Bezug auf Meditation immer wieder, dass es darum geht, wach und achtsam zu sein.
Der Fuchs richtet seine Achtsamkeit allein auf Welt: Wo ist der Feind, wo ist die Beute?
Dem Menschen ist es auferlegt, nicht nur Welt wahrzunehmen, sondern sich selbst, diesen komplexesten Teil dieser Welt. Das macht unser Leben so schwierig einerseits und so reich andererseits.
Wenn wir nun durch intensives Bemühen in die Lage versetzt werden, uns selbst und die Prozesse in uns wahrzunehmen, die sich nicht aufdrängen, können wir ein Leben in uns finden, das ohne große Bereicherung von aussen glücklich macht.
Dabei geht es darum, die Wahrnehmung für immer stillere und selbstverständlichere Bereiche unseres Da Seins zu öffnen. Das Laute und Bunte (von innen und außen) nimmt uns schnell in Beschlag. Sich davon frei zu machen: Das ist es wohl, was wir Meditation nennen oder wie auch immer.
So werden sie wichtig, diese stillen Vorgänge in uns, dieses Spüren nach dem, was hier und jetzt einfach geschieht.
Noch einmal: Grundglück und Freuden
5. März 2012
Zunächst: Das Wasser. Es füllt die Niederung restlos. Keine Lücke. Und in der Tiefe keine Bewegung. Doch an der Oberfläche fegt der Wind und regt das Wasser je nach seiner Stärke auf und an. Doch damit nicht genug: Das Wasser verdunstet, steigt auf und wird als Teil der Luft höchst beweglich.
Sodann wir Menschen: Als Körper sind wir Teil der Welt ähnlich dem Wasser im Teich oder See oder Ozean. Wir sind einfach da, füllen Raum. Doch wir bewegen uns - und besonders beweglich ist, was wir Geist nennen. Wie Wind und Wolken reisen wir damit durch die Welt.
Wenn nun einer so etwas wie Frieden sucht, Harmonie und Einklang mit Welt und sich: Er wird an den Grund des Gewässers tauchen und nicht an dessen Oberfläche, an der sich das Wasser verdunstend in die Lüfte erhebt. Wenn er sich dabei auf sich selbst bezieht, sollte er sich dem zuwenden, das von ihm als Teil der Welt am ehesten mit dem Grund des Sees verglichen werden kann: Seinen Körper als Körper.
Wenn es einem gelingt, desses Dasein als ein Glück zu empfinden, als ein Glück wahrzunehmen, als ein Glück anzunehmen, als ein Glück zu erleben, ist ihm der Zugang zu dem Wahren Glück gelungen.
Da er ebenso wie das Gewässer nicht nur Grund ist, sondern auch Oberfläche und Kontakt zu den Winden und Wettern, wird dieser Mensch wie alle anderen auch Teil dessen, was wir die normale Durchmischung von Glück und Unglück erleben: Da ist dies, das Freude bereitet, das in jenes, das der Preis für diese Freude ist, da ist das Heraufkommen der Freude, ihr Höhepunkt und ihr Verklingen. Da ist Hoffen und Sorgen. Da ist auch in der aktuellsten Freude das Wissen und das Davor und das Danach. Da ist immer Einerseits und Andererseits.
Nun lässt sich das für das oben genannte Grundglück ebenfalls sagen: Dieser Körper ist Vielen geradezu das Sinnbild des Vergänglichen, altert er doch, kränkelt er doch und stirbt er gewiss. Gleichwohl ist der Körper von Allem, das wir erleben, das Dauerndste. Jeder Abschnitt des Lebens ist kürzer als das Leben. Jede Freude des Lebens ist geringer und angefochtener als das Freuen an sich, das der Körper eben vermag. So hinfällig der Körper ist, alles, womit und worin er lebt, ist hinfälliger (die Erde und ihre Oberfläche in Form von Landschaften und neu gebauten Häusern ausgenommen).
Dem mag einer widersprechen, der eine Wirklichkeit von Ideen und Idealen voraussetzt. Nun, mag er das tun. Dieser hier geht davon aus, dass alle diese Vorstellungen Werk dieser Körper sind, die als Menschen auf dieser Erde herumlaufen und herumgelaufen sind. Aber das ist eine andere Geschichte; denn auch Menschen, die so glauben, können Glück erleben nur als das, was sie sind bzw. im Hier und Jetzt ihre Körpers.
Wenn nun einer das Glück des Grundes erfährt oder von ihm Ahnung hat, bleibt er doch verstrickt in die abgeleiteten Formen des Glücks. Er bleibt ein Begehrender. Er unterscheidet sich dennoch von denen, die diesen Grund nicht kennen. Er weiß, dass es dieses andere Glück gibt. Er weiß weiter, dass das Begehren und seine Erfüllung und seine Nichterfüllung nur ein Teil sind, dem er nicht gänzlich verfallen ist oder sein muss. So erringt er eine den anderen unbekannte Dimension und Freiheit. Er weiß, dass der Verzicht auf die Freuden der Welt keinen Verzicht auf die Freude darstellt.
Noch etwas: Derjenige, der diese Dimension kennt, unterscheidet sich - äußerlich gesehen - nicht von denen, welche diese Dimension nicht kennen. Er lebt dahin wie sie. Er unterscheidet sich auch nicht durch die Dimensionen des Freuens; denn diejenigen, die diese Dimension nicht kennen, erleben sie doch ununterbrochen. Auch sie empfinden eine Grundfreude am Dasein. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie diese Freude nicht bewusst erleben.
Wenn man diese Grundfreude vergleichen will: Sie ist wie ein Esel, auf dem reitend der Mensch durch die Lande zieht. Einige kümmern sich sorgsam um dieses edle Tier, füttern es, lassen es ausruhen, werden seinen Bedürfnissen gerecht. Andere kümmern sich nicht darum, achten es nicht und denken allein an ihre Ziele und an ihm Drumherum. So können sie die Freuden des Esels, der sie trägt nicht teilen.
Nicht deutlich? Dann dies: Wenn einer geht, kann er seine Aufmerksamkeit (auch) auf das Gehen selbst lenken. Er spürt seine Bewegung, spürt, wie sie Spaß macht. Er kann dies aber auch lassen. Er kann darauf fixiert sein, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dann wird ihm sein Gehen oder Laufen womöglich Ärger bereitet, kommt er doch nicht schnell genug zum Ziel. Oder er geht unachtsam und stolpert oder fällt. Achtet einer auf sein Gehen, hat er zwei Freuden, die am Gehen und die am Ans-Ziel- Gelangen. Oder er verzichtet auf letztere und geht allein um der Freude am Gehen willen.
Ist das alles deutlich? Ist es das, was dieser hier “eigentlich” sagen will? Wie dem auch sei, hier sitze ich, ich kann es nicht besser.
Begabung
27. Februar 2012
Es ist mit der Begabung für eine Tätigkeit wie mit vielen anderen Ausstattungen unserer selbst auch:
Der eine wird für schön gehalten, ein anderer nicht.
Der eine löst die Aufgaben, der andere scheitert.
Bei einigen dieser Unterschiede ergeben wir uns ohne Widerstand. Der eine misst 1,90, der andere 1,75. Würde der Kleinere nun Kurse besuchen, um länger zu werden?
Bei dem Vermögen, etwas zu tun, geraten wir eher ins Zweifeln.
Nehmen wir Boxen: Dem Großen Dicken trauen wir es zu, dem Schmächtigen nicht. Wenn der Große Dicke behäbig ist, werden wir wiederum zweifeln - aber vielleicht meinen, dieses Defizit lasse sich beheben.
Nehmen wir Wissenschaft: Dem Intellektuellen trauen wir sie zu, dem Tumben eher nicht. Wenn der Intellektuelle eher faul ist, werden wir ebenfalls zweifeln - und vielleicht meinen, dieses Defizit ließe sich beseitigen.
Und so weiter.
Immer geht es darum, das Gegebene anzuerkennen oder als Rohstoff für unser Bemühen anzusehen.
Dabei lässt sich ewig darüber disputieren, wie weit wir unser Gegebenes verändern können.
Wichtiger scheint aber die Frage, wie wir uns zu dem Gegebenen und seiner Veränderbarkeit verhalten.
Bei alledem ist entscheidend, auf welcher Seite einer steht. Dem Glücklichen scheinen Probleme fremd. Dem Unglücklichen drängen sie sich auf. Er muss Wege finden, nun doch noch zur Befriedung zu finden.
Wenn wir das Gegebene und damit unsere Begabung als etwas hinnehmen, mit dem wir unseren Frieden machen wollen, können wir ein erfülltes und zufriedenes Leben führen. Wir können uns an und in unserem Tun freuen - ohne zu fragen, ob wir im Vergleich zu anderen zurück bleiben oder nicht. (Wobei die Freude an Erfolg zur Grundausstattung unserer Existenz gehört.) Wenn wir es bei dieser Kunst weit bringen, können wir beseligt tun, wie Kinder es tun. Oder wir nehmen das Defizit an Begabung an als eine Entlastung: Das Ausbleiben der Erfolge ist so erklärt.
Wenn wir das Defizit unserer Begabung nicht anerkennen können, können wir in Schwierigkeiten geraten.
Wir vermeiden sie, wenn wir die Kunst der Resignation beherrschen. Der Resignierende mag es als ungerecht empfinden, weniger begabt zu sein - aber schließlich doch dahin gelangen, sich damit abzufinden.
Derjenige, der es dabei nicht belassen will, hat zwei Wege aus der Krise.
Zunächst mag er sich zu der Meinung durchringen, es liege nicht an ihm, sondern der Welt. Sie hat ihn nicht zum Zuge kommen lassen. Resigniert er nun, kann er den Weg zum inneren Frieden ebenfalls finden. Resigniert er nicht, so wird er Unglück heraufbeschwören - eigenes und fremdes, indem er die Welt bekämpft und sich an ihr rächt.
Sodann mag er meinen, es liege an ihm, er müsse nur die Hindernisse beseitigen, die in ihm die an sich vorhandene Begabung unterdrücken. Dieser Weg ist ebenfalls voller Probleme. Im glücklichen Fall kann er durch hartes Über erreichen, das Gewünschte zu tun. Es bleibt dann etwas Gewaltsames daran, das der Begabte nicht nötig hat. Im unglücklichen Fall verstrickt sich der so Übende in immer neuen Versuchen, die ihn doch nicht zum Gelingen führen. Dann bleibt er im Hadern stecken, kann das Gewünschte nicht erreichen. Nun kann er das rettende Ufer der resignierenden Einsicht immer noch erreichen. Oder aber er müht sich ab bis an sein Ende und bleibt in der selbst gestellten Falle hängen.